Es gibt Schlimmeres: Über Behinderung, Kündigungen und Solidarisierung

Erschienen am 16. September 2019 in Analyse & Kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis

„Du nutzt deine Behinderung doch nur aus!“ – Dieser Satz und seine Konsequenzen sind der Anlass dieses Textes. Ich werde erzählen, wie ich von der Tätigkeit in einem inklusiven Kulturprojekt, gesetzlich wieder zu einer Person mit Behinderung und schließlich arbeitslos wurde.

Fast zwei Jahre habe ich deshalb bei Personen, Einrichtungen und Gruppen versucht Hilfe zu finden. Knapp 24 Monate voller Enttäuschung, Selbstzweifel und Einsamkeit liegen hinter mir. Ich möchte ihn aufschreiben, den Weg bis zu diesem Text.

Behindert oder nicht behindert?

„Was ist eigentlich dein Problem?“ und „Wegen dem bisschen?!“, heißt es oft, wenn ich Menschen erkläre, dass ich mich als behindert sehe.

1986 wurde ich aufgrund einer „Anomalie“ an der rechten Hand in der ehemaligen DDR in die Pflegestufe III eingeteilt. Nach damaligem Behördendeutsch galt ich demnach als „schwerbeschädigt“. Nach der Wiedervereinigung wurde mir jene Schwerbehinderung wieder aberkannt. Kürzlich erzählte ich einer Freundin von dem On/Off der Gesundheitsbehörden bezüglich meines Grads der Behinderung (GdB). Ihre Reaktion: „Jetzt sind mir einige Macken in deinem Leben und deiner Psyche klar!“

„Es gibt Schlimmeres!“ seit meiner Kindheit höre ich das von vielen Menschen und ich nicke. Obwohl mir bei diesem Satz immer etwas fehlt, bei mir und bei meinem*r gegenüber.

Das individuelle Modell von Behinderung ein Teil von mir?

2014 las ich Rebecca Maskos „Was heißt Abelism?“ und bemerkte, wie ich selbst das individuelle Modell von Behinderung verinnerlicht hatte. Menschen, die diesem Modell nach agieren, reduzieren „Behinderte“ auf ihren Körper bzw. auf dessen „Schaden“. Behinderung wird hierbei als eine dauerhafte körperliche Einschränkung, als ein individuelles Leid gesehen, das von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Problematisch hierbei: Wer so auf Menschen mit Behinderung blickt, ist leicht versucht, diese als nicht selbständig, als weniger effizient anzusehen. Seit ca. 1970 wird diese Einordnung von Menschen mit Behinderung nach ihrem Nutzen als „Ableism“, als Behindertenfeindlichkeit bezeichnet. Hatte ich jemals Abelism erlebt?

Für mich war es normal, dass Mädchen in der Schule nicht mit mir gehen wollten, weil sie Angst hatten, unsere Kinder könnten später das „Gleiche“ bekommen. „Hab ein wenig Verständnis, die wissen es nicht besser!“, hieß es zu Hause, auch als die anderen Jungs längst mit mir Dinge getan hatten, die ich niemandem wünsche.

Auch ich fand die fehlenden Finger nicht so schlimm. Was blieb mir auch für eine Wahl? Die angemessene Aufarbeitung der Geschichte von Menschen mit Behinderung in der ehemaligen DDR steht bisher noch immer aus. Dabei liefert zum Beispiel „Die Hölle von Ueckermünde“ ein erschreckendes Bild des Bewusstseins seitens des SED-Staates bezüglich des Umgangs mit Behinderung.

Ich jedenfalls wünschte mir seit meiner frühen Jugend genauso so „normal“ wie die Anderen zu sein bzw. versuchte ich mich so zu verhalten. Doch was ist schon normal? „Was du machst ist immer zu viel, zu übertrieben“, hörte ich oft bei meinen Anpassungsversuchen. Ich versagte, eckte an, überschritt Grenzen, landete in depressiven Phasen. Ich war als Kind schon ziemlich traurig, vor allem einsam. Bloß: Was war eigentlich mein Problem?

Erst nach der Lektüre Rosemary Garland Thomsons „The Story of My Work: How I Became Disabled“ merkte ich, dass auch andere Menschen mit Behinderung versuchen, sich ihre Einsamkeit zu erklären: Nie hatte ich Kontakt mit anderen Personen mit Behinderung, keinen Erfahrungsaustausch – und daher keine Positivbeispiele.

Der individuelle Blick anderer Menschen mit Behinderung?

Erst mit 17, während meiner Ausbildung in einem Berufsbildungswerk für Menschen mit Behinderung, traf ich auf andere Menschen mit Behinderung. Trotz des fehlenden relevanten Grads der Behinderung (GdB) war ich vom Arbeitsamt dorthin vermittelt wurden. Aufgrund meiner Behinderung stünden meine Chancen – laut Sachbearbeiter – auf einen regulären Ausbildungsplatz nicht gut.

„Was willst du hier? Du bist doch gar nicht so behindert,“, begrüßte mich am ersten Ausbildungstag ein Mitauszubildender. Es war nicht das letzte Mal, dass Menschen mit Behinderung meinen Behindertenstatus anzweifelten. Ich und behindert? Nach jahrelanger Arbeitslosigkeit hat sich der Mitauszubildende umgebracht. Mein Abi auf dem zweiten Bildungsweg und mein Studium geben mir hingegen ein Gefühl der Privilegiertheit. Trotzdem sind da tiefe Versagensängste und Zweifel, dass es für mich keine berufliche Perspektive gibt.

Eine ganz normale Kündigung im inklusiven Kulturprojekt?

Eigentlich ließe sich das Folgende auf die Formel eines schlecht konzipierten Beschäftigungsverhältnis herunterbrechen: Ein uneindeutiger Beschäftigungsvertrag. Das Fehlen konkreter Zuständigkeitsbereiche und Weisungspersonen. Macht: Eine unterbezahlt überforderte Arbeitskraft. Und all dies führt zu groben Fehlern im Projektverlauf und zu einem sich verschlechternden Arbeitsklima. Die Geschäftsführung sieht sich schließlich genötigt zu Kündigen.

Das passiert anderen Menschen auch.

Im Bewerbungsgespräch für jene Beschäftigung im inklusiven Kulturprojekt betonte ich jedenfalls ausdrücklich, dass ich mir einen Dialog auf Augenhöhe aller, eine tatsächliche Teilhabe an der Projektgestaltung wünsche und dass mir, trotz des Fehlens eines relevanten GdBs, ein sensibler Umgang mit meiner Behinderung wichtig sei. Damals wurde allseits zustimmend genickt. Ich bekam die Stelle.

Als mir dann am ersten Arbeitstag klar wurde, dass ich weit unter dem Mindestlohn bezahlt werden würde, machte ich die Projektverantwortlichen darauf aufmerksam. Diese entgegneten mir, dass dies im Haus so üblich sei.

Klar fragte ich mich, ob ich dies in einem inklusiven Projekt in Kauf nehmen sollte. Doch wer will schon eine dreimonatige Arbeitslosengeldsperre?

Dann folgte ein erstes Mitarbeitenden-Gespräch. Dort hieß es: Ich solle mich bremsen, auch in meinem Aktionismus, schließlich wären andere Personen behinderter als ich. Darauf erklärte ich meinen Kolleg*innen, dass ein „Behindertenvergleich“ hinsichtlich der Funktionalität im Prinzip abelistisch sei. Zudem hatte mir die Personalabteilung kurz zuvor empfohlen, ich solle meine Behinderung doch rechtlich anrechnen lassen. Das hätte nicht nur positive Effekte für die renommierte Kultureinrichtung.

Ich versuchte Verständnis zu haben, wie mir seit meiner Kindheit gesagt wurde. Wider aller Komplikationen, fragte ich Aktivist*innen mit Behinderung, ob sie für das Projekt nicht Multiplikator*innen sein wollten. Nachdem ich mit einer jener Personen offen über die beobachteten Diskrepanzen sprach, wurde mir von der Projektkoordination verboten, mit Dritten über das Projekt zu sprechen. Der Rüffel war nicht nötig. Die meisten Kolleg*innen wussten längst von den Konflikten, einige bedauerten mich, alle schwiegen.

Ein zweites Treffen mit der Geschäftsleitung wurde einberufen. Ich solle mich weniger impulsiv gebärden und das Ganze nicht allzu persönlich zu nehmen. Ich wurde immer öfter krank. Mir schlug das Inklusionsprojekt auf den Magen. „Du nutzt deine Behinderung doch nur aus, um dich zu profilieren, um andere Menschen, die nicht behindert sind, zu diffamieren“, so meine zweite Vorgesetzte am Anfang 2018. Niemand intervenierte, stattdessen wurde meine Kündigung erwägt – einvernehmlich. Mit allmählich erheblichen gesundheitlichen Problemen suchte ich eine Beratungsstelle auf. Ich erzählte von meinen Erlebnissen. Die Einschätzung der Beraterin: In meinem Fall läge sehr wohl eine Form von Mobbing vor. Ich schrieb ihre Handlungsempfehlungen mit. Einige Tage später erhielt ich von der Beratungsstelle dann einen Anruf: Sie teilten mir mit, dass sie eigentlich nichts für mich tun können und dass ich mich in Zukunft auch nicht mehr an sie wenden solle.

Wie oft habe ich mich in den letzten zwei Jahren gefragt, was eigentlich mein Problem ist.

Seit dem 11. Juni 2018 gelte ich gesetzlich als schwerbehindert. Einen Tag später erhielt ich meine Kündigung. Diese wäre rechtlich anfechtbar gewesen. Aber: Nach all den Monaten war in meinem Bauch ein Loch gewachsen. Ich wollte mich nur in ihm verstecken. Ich begann mich zu schämen, Orte und Menschen zu meiden.

Erst im Spätsommer wendete ich mich an eine gewerkschaftliche Beratung, hauptsächlich, um zum Erlebten Stellung zu beziehen, wenigstens einmal. Ein anwaltliches Gutachten folgte: Eine Klage, zumindest auf Anspruch des Mindestlohns, hätte zu 90% Erfolg. Ein paar Wochen später meldete sich dann jene gewerkschaftliche Beratungsstelle: Sie könnte mich im Fall nicht mehr unterstützen. Es gebe interne Komplikationen. Es läge nicht an mir.

Ich, ich will mich nicht auf meiner Behinderung ausruhen, sie ausnutzen, noch auf diese reduziert werden. Ich möchte wegen ihr nichts entschuldigen. Denn ich bin NICHT behindert, ich werde behindert, manchmal von mir selber, meistens von gesellschaftlichen Bildern, Barrieren, Normen.

Ich wünsche besagtem Projekt, allen Inklusionsprojekten, dass aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und eine nachhaltige Perspektive, auch über Förderphasen hinaus geschaffen wird, die Menschen mit Behinderung als Akteur*innen auf Augenhöhe inkludiert!

Wir brauchen qualifizierte qualifizierende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Menschen mit Behinderung. Wir müssen für sie Zugang zu fair bezahlten Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen. Sonst lassen sich Begriffe wie Inklusion und Kulturelle Teilhabe bei allem guten Anspruch Nichtbehinderter nicht umsetzen.

Dieser Text soll einladen, Sichtweisen auf Behinderung und den alltäglichen Umgang mit „Behinderten“ zu hinterfragen. Denn das hat soviel revolutionäres Potenzial, letztlich für uns alle, ob alt, behindert, cis, queer, was auch immer Du/Sie sein magst/mögen.

„You holy blinking star. You highway streak of light,falling over and over for your hard life,
your perfect life, your sweet, beautiful life!“ (Andrea Gibson – Your Life)